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Aktualisiert: vor 23 Minuten 34 Sekunden

Bolivien, feministische Stimmen gegen den Putsch

21. November 2019 - 12:18

Der Putsch in Bolivien ist noch immer im Gange. Über seine Bedeutung und welche Gründe ihn haben möglich werden lassen, wird derzeit in Lateinamerika heftig diskutiert. Dabei tun sich zwischen emanzipatorischen Strukturen und Stimmen Spaltungen auf. Hier bringen wir das Wort indigener Feministinnen.

Vorab: Zuletzt haben wir auf dem Debattenblog einen Beitrag von Raquel Gutiérrez veröffentlicht, der vor der Abdankung und der Flucht von Morales und vor der Machtübernahme der sogenannten Interimspräsidentin Jeanine Añez geschrieben wurde. Die turbulenten Wochen davor bezeichnete Raquel vor allem als "Hahnenkampf" zwischen drei Machos. Einen ähnlichen Ton schlägt die feministische Intellektuelle Rita Segato am 20. November an, die vor allem Evo Morales für die derzeitige Situation verantwortlich macht. Im Folgenden veröffentlichen wir eine Stellungnahmer indigener Feministinnen, die sich entschieden gegen die Äußerungen von Rita (und indirekt auch denen von Raquel) wenden.

Statt Feministinnen, sind wir zuerst kraftvolle Frauen des Regenbogens 

Die Warmis, Zomo, wir Frauen des Südens, wir Frauen von den Territorien unserer Vorfahr*innen reichen dem Präsidenten Evo Morales Ayma unser blühendes Wort der Unterstützung. Denn laut Wahl ist er noch immer der Präsident des Plurinationalen Staates von Bolivien.  

Rita Segato findet in einem (weißen?) Feminismus Gehör, in dem wir uns jedoch nicht wiederfinden. Deswegen widersprechen wir Ihnen und Ihrer Position, die Sie hinsichtlich des Putsches und der damit einhergehenden neoliberalen Restauration in Bolivien einnehmen.

Sie sagen, dass wir alle anfangen sollten eine andere Vorstellung und eine andere Form von Gebrauch zu entwickeln, die sich von denen der Kaziquen unterscheidet. Das hört sich sehr nett an. Aber wir fragen uns, ob Sie jemals diesen Umgang der Kaziquen an ihrem eigenen Körper gespürt haben? Wir haben diesen bitteren Geschmack als Folge der Eroberung gesehen. Wir haben ihn gespürt. Unsere Männer haben vom kolonialen Machismus das Schlimmste übernommen. Wir haben nicht nur andere Vorstellungen geschaffen. Wir haben Widerstände geschaffen; Widerstände und Existenzen gegenüber der machistischen Dominanz in unseren Nationen, die es vor der Eroberung schon gab, und in all jenen Ecken, in die wir vertrieben worden sind. Aber Evo als das Symbol des Patriarchats zu verstehen ist mehr als geschmacklos.

Wir heißen es nicht gut, wie sich Evo sexistisch und machistisch äußert – auch gegenüber Minderjährigen nicht. Denn wir alle spüren in unseren Körpern was es heißt, wenn der Körper verdinglicht wird. Der Körper unserer Vorfahr*innen, der mentale Körper, der physische Körper und der emotionale Körper. Und dennoch halten wir daran fest, dass das was in Bolivien passierte, ein Staatsputsch war.

Auch wenn Sie es sich nicht vorstellen können, aber es ist so viel einfacher Bolivien zu analysieren. Ihr intellektueller Frohsinn hat sie vernebelt. Wer und mit welchem Ziel hat den Putsch durchgeführt? Das sind zwei Fragen, die unser sentipensar, unser Fühlen-Denken, beschäftigen. Merken Sie überhaupt, dass der Putsch nicht durch die Indianern [im Original: indios] aus Chiquitanía und auch nicht durch die Feministinnen aus Bolivien vorangetrieben wurde? Nicht einmal durch „weite Teile der Bevölkerung“, die die Regierung von Evo in Verruf bringen wollen, wie Sie behaupten.

Die Trump-Administration und deren Hegemonie-Apparat versuchen mit einem messianisch-evangelikalen...

Die IL vor einem Scheideweg

16. November 2019 - 14:30

Welchen weiteren Weg der Organisierung muss die IL langfristig gehen, wie kämpfen? Der Genosse Daniel aus Berlin stellt hierzu ausführliche Thesen zur Diskussion - nach den ersten Fünf in Teil 1 hier nun die Thesen Sechs bis bis Neun.

(Hier zu Teil 1)

These 6. Kapitalismus ist instabil, das ist Teil des Systems. Und wenn ich von einem System spreche, dann meine ich ein komplexes System, dass aus zahlreichen integrierenden, desintegrierenden und reintegrierenden Subsystemen besteht.

Der Druck in verschiedenen Systemen in gegenläufigen Richtungen erzeugt eine systematische Instabilität. Diese Instabilität findet ihren Ausdruck in Krisen, die, wenn sie nicht von revolutionären Kräften als Chance ergriffen werden, über die Schaffung eines historischen Blocks (Gramsci) gelöst wird. Diese momentäre Einheit zur Überwindung der Krise trägt in sich allerdings wiederum neue Spannungen.

Diese Blöcke sind ›historische Übereinkommen‹, wie Stuart Hall sie nennen würde, die immer das Endergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen verschiedenen Kräften und Akteur*innen in der Krise sind. Sie fußen letztendlich auf den Leben (Leichen) der popularen Kräfte, und die fortgesetzte Ausbeutung und Unterdrückung führt zu weiteren Spannungen von unten. Die dominanten Kräfte formen hingegen neue Allianzen und Verbindungen, mit neuen Kräften und Spannungen. Ähnlich einem Foucaultschen Pendel, stehen verschiedene Kräfte in einem Spannungsverhältnis und drängen in das Zentrum der politischen Schwerkraft.

Der Amerikanische New Deal ist ein Paradebeispiel dafür, wie diese historischen Übereinkommen letztendlich zu einer Zersetzung revolutionärer/popularer Kräfte führen. Mit dem New Deal reagierte Roosevelt auf die wachsende Macht streikender Arbeiter*innen. Es gelang ihm, mit dem Deal diese Macht zu zerstören und die Autonomie der Arbeiter*innenklasse zu schwächen. Die höheren Löhne – zweifelsohne ein großer Gewinn für viele Arbeiter*innen – waren jetzt als »Familienlöhne« entwickelt. Ein Einkommen sicherte das Auskommen der Familie; ein strategischer Zug, um die Macht der weiblichen Industriearbeiter*innen zu schwächen. Die ersten Schritte dieser »Housewifeization« dienten dazu, Frauen* ihre wachsende wirtschaftliche Macht zu entziehen, die sie als Industriearbeiter*innen seit dem Bürgerkrieg zunehmend erkämpft hatten. Der Ausschluss von People of Color von den Vorteilen des New Deal war ein weiteres zentrales Element zur Aufspaltung der kämpfenden Arbeiter*innenklasse und zum Erhalt der rassistisch begründeten Gesellschaftsordnung. Die rassistischen Trennungen innerhalb der Arbeiter*innenklasse schufen zum einen eine Art »Reservearmee« an Arbeitskräften mit geringen Rechten und erlaubten zum anderen die schnelle Anrufung eines »folk devel« (Hall) als Staatsfeind und als Schuldige in Zeiten politischer oder ökonomischer Krisen. Zusätzlich wurde mit dem New Deal eine Reihe von Gesetzen eingeführt, die zwar auf der einen Seite eine Anerkennung der gewerkschaftlichen Organisierung beinhalteten, aber der anderen Seite aber die Autonomie der Gewerkschaften massiv untergrub und ihr handeln in staatlich kontrollierte Bahnen lenkte.

In jedem Fall ist es aber so, dass die Spannung zwischen Profitstreben und politischen Interventionen zu Spannungen führt. Wenn wir eine revolutionäre Reformstrategie entwickeln wollen, müssen wir uns darüber im klaren sein, dass die Übernahme systemischer (re)produktiver Funktionen und die Entwicklung von antirassistischen, feministischen und arbeiter*innenfokussierten Prozessen in ihnen korrosive Effekte auf das gesamte System haben.

Indem wir systemische Funktionen umgestalten, können wir uns einem Kaskadeneffekt annähern. Wenn wir diesen Punkt erreichen, ist es...

Bolivien und die tiefe Umwälzung ins Desaster

13. November 2019 - 16:20

Einst Teil des südamerikanischen antineoliberalen Aufbruchs, haben andauernde Proteste in Bolivien zur Abdankung des indigenen Präsidenten Evo Morales geführt, der das Land verlassen musste und von Mexiko politisches Asyl gewährt bekam. Raquel Gutiérrez Aguilar, militante Akademikerin und feministische Aktivistin zeichnet in mehreren Schritten die Prozesse und Ereignisse nach, die zu den Umwälzungen führten. Und kritisiert die Hahnenkämpfe der Machos um die Macht.

Mehrere Wochen sind seit den Präsidentschaftswahlen in Bolivien am 20. Oktober vergangen, die Ereignisse überschlagen sich seitdem. Es ist ungemein schwer zu begreifen, was alles auf dem Spiel steht. Heute drückt sich auf den Straßen in Bolivien nicht nur ein Wahlkonflikt aus, sondern – mindestens – eine starke und heterogene Wut gegenüber zehn schlimmen Jahren unter Präsident Evo Morales. Zur Zielscheibe der Wut wurde auch und die Art und Weise, wie unter seiner macho-leninistischen und pseudo plurinationalen Regierung, die politische Befehlsgewalt, die Ökonomie und das öffentliche Leben gestaltet werden. Diese ganze soziale Energie der Missachtung und der Rügen, die die Bevölkerung nicht mehr bereit ist zuzulassen, wird von einer gigantischen Maschinerie umringt, die sich aus den tobsüchtigsten und machistischsten konservativen, kapitalistischen, rassistischen und religiösen Positionen zusammensetzt.

Ich unternehme hier den Versuch einer Erklärung, in dem ich konträre Ereignisse und Narrative miteinander verbinde, denn in diesen Momenten dreht es sich darum, die Logik der Polarisierung, des Zusammenstoßes und des „champa guerras“ [Anm. d. R.: eine Form des Bürgerkrieges] aufzubrechen, die die Städte und Regionen im Land zerreißen. Doch es dreht sich genauso darum, von der Grausamkeit zu lernen der man sich konfrontiert sieht.

1. Was nicht vergessen werden darf

Seit zehn Jahren verstehen sich die Bolivianer*innen betrogen , seit über die Verfassung paktiert und das Fortbestehen des Großgrundbesitzes mit den ländlichen Großeigentümern im Osten vereinbart wurde. Eine Reihe verfassungsgebender Abgeordneter, Frauen und Männern der unterschiedlichen Nationalitäten des Landes, erkannte das damals nicht an. Was jedoch auch stimmt und beachtet werden muss: es waren Personen, die erst durch die parteiische Vermittlung der MAS [Anm. d. R.: die Regierungspartei] zu ihrer Position kamen. Und es war die MAS, die die Repräsentation in Parteiform als einzige politische Aktivität und Teilhabe akzeptierte und aufrecht hielt und zeitgleich – auf hinterhältige Art und Weise – jegliche andere Form des politischen Wettbewerbs aberkannte und dadurch die demokratische Erweiterung unterband. Für viele ist das nicht vergessen.

2. Was man klar haben muss

Am 21. Februar 2016 wurde zu einem Referendum aufgerufen, in dem die bolivianische Bevölkerung zur vierten Wiederwahl von Evo gefragt wurden – entgegen der eigenen Verfassung bzw. gegen das, worüber man sich schon 2009 entschieden hatte. Und Bolivien sagte NEIN. Nein zur unbestimmten Wiederwahl eines politischen Regimes, das mitsamt einer antiimperialistischen Rhetorik den Extraktivismus weiter schürt. Eines Regimes, das ungemein autoritär ist, auch wenn es sich plurinational kleidet. Ein extraktivistisches politisches Regime also, das gänzlich anti-kommunitär und mysogen ist.

Später hat die juridische und argumentative Akrobatik hinsichtlich des »politischen Rechts« auf Wiederwahl, die die nächsten Jahre bestimmen sollte, bei vielen zu Frustration geführt. Vor allem dann, als diese Verrenkung Morales dazu »befähigte«, auf unbestimmte...

Revolutionäre Realpolitik in Chile

12. November 2019 - 13:25

»In Chile sehen wir in Aktion die Parolen und Praktiken des feministischen Streiks im Entwurf der Massen als einem plurinationalen Generalstreik.« Die argentinische Aktivistin Verónica Gago gibt Einblick in die aktuellen Auseinandersetzungen in Chile und benennt feministische Politik als alltägliche Revolution.

Ich schreibe diese Worte vor einem Chile in Brand gesetzt durch einen spektakulären Aufstand, studentisch, Mapuche, popular und feministisch, der in einer Woche die beliebte Kulisse des Neoliberalismus in unserer Region, seit seinen Anfängen 1973, umgedreht hat. Ich könnte auch an die jüngsten Proteste in Ecuador denken, an die in Haiti oder an die, die Puerto Rico vor einigen Monaten erzittern ließen, nur um auf dieser Seite der Landkarte zu bleiben. Was ich für diesen Austausch vorschlage, ist, den aktuellen Zyklus als eine Wiederbelebung des politischen Antagonismus seit der Feministischen Revolution zu charakterisieren.
Immer wieder ist das Misstrauen gegenüber der Verwendung dieses Wortes - Revolution - ein Symptom für seine verengte Verwendung auf bestimmte historische Episoden und bestätigt ein Misstrauen gegenüber der Gegenwart, das darin besteht, darauf zu beharren, dass die Gegenwart einem bestimmten historischen Inhalt von Revolution nicht mehr gerecht werden könnte.
Sich in den stattfindenden Revolten und in der Dynamik des politischen Prozesses des transnationalen feministischen Streiks der letzten Jahre zu verorten (in mehr als fünfzig Ländern, die nicht auf die westliche Geographie beschränkt sind) erfordert einen Realismus für diesen Begriff. Die feministische Revolution dieser Zeit kommt, um die Verkündung des Endes der Revolution in Frage zu stellen, die mit reinem Glauben an die Niederlage damit endet, die existierenden konkreten Dynamiken von Ungehorsam, Revolte und radikalem Wandel zu befrieden und zu diskreditieren.

Von welcher Revolution sprechen wir? 

Die Revolution der Körper, in den Straßen, in den Betten und in den Haushalten setzt und entwirft die Reichweite, die die Parole »Wir wollen Alles verändern!« ausdrückt. Das Begehren nach Revolution, gelebt aus dem Realismus heraus, der in der Erschütterung der sozialen Beziehungen liegt, die durch Formen des Infragestellens und des Ungehorsams alle Bereiche verändert haben, bekräftigt, dass die Zeit der Revolution jetzt ist (und kein entferntes Endziel).
Lasst uns sehen was in Chile passiert ist: Wir sehen in der Tat die Slogans und Praktiken des feministischen Streiks als Entwurf der Massen eines plurinationalen Generalstreiks. Es handelt sich dabei um eine Ansammlung von Erfahrungen, die es geschafft hat, die Struktur der Kämpfe, ihre Organisationsweisen, ihre politischen Formeln, ihre historischen Bündnisse zu verändern. Dies drückt sich in den Parolen an den Wänden aus. Zwei Beispiele:

  • »Sie schulden uns ein Leben«. Die Synthese der Parole besagt, die Schulden umzudrehen, zu fragen: Wer schuldet Wem?; Gesprayt auf die Banken der Chicago Boys in Chile, dem Land mit der höchsten Verschuldungsrate pro Kopf in der Region. Angesichts des Anstiegs der Lebenshaltungskosten, d.h. der Wertextraktion aus jedem Moment der sozialen Reproduktion, wird mit der Praxis-Parole #EvasiónMasiva/Massenschwarzfahren ein finanzieller Ungehorsam umgesetzt.
  • Zweites Beispiel einer Graffiti-Synthese: »Paco/Bulle, Faschist, deine Tochter ist eine Feministin«, weist auf die tiefe patriarchale Destabilisierung hin, auf die der heutige Faschismus reagiert, auf seine filigrane, zugleich mikro- politische und strukturelle Destabilisierung.

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