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Aktualisiert: vor 55 Minuten 55 Sekunden

Nicht nur dein Problem.

16. April 2021 - 9:31

Gesundheit sollte nicht individuell verhandelt werden müssen, so die Autorin dieses Beitrags. Warum das Verständnis von Gesundheit in größerem Rahmen gedacht werden sollte und welche Handlungsmöglichkeiten es gibt, um den Gesundheitsbegriff zu politisieren, erfahrt ihr hier.

Während eines Termins bei unserer Hausärztin wird wohl vielen von uns einfallen, von dem chronischen Husten zu erzählen. Vielleicht auch den Tinnitus nochmal ansprechen, auch wenn wir wissen, dass wir uns selbst schon damit nerven und mensch ja sowieso nicht viel daran machen kann. Sollte das Gegenüber Vertrauen erwecken und ein bisschen mehr Zeit haben als sonst, fällt uns auch noch ein zu sagen, dass wir seit kurzem immer so plötzlich anfangen zu weinen, doch gar nicht genau wissen wieso. Wenn es gut läuft, erhalten wir einen sekundenlangen betroffenen Blick, eine Überweisung an andere Expert*innen und die Frage, ob wir schon einmal an eine Therapie gedacht haben, um das Weinen in den Griff zu kriegen...

Worüber wir nicht beim Thema Gesundheit und erst recht nicht in unserer Hausarztpraxis reden, sind unsere Wohnsituation und das Problem mit dem Schimmel – leider ruft uns der Vermieter nicht zurück, weil er weiß, dass wir uns eh keinen Anwalt leisten können. Worüber wir nicht sprechen, sind unsere drohende Arbeitslosigkeit oder der Umstand, dass wir eine halbe Stunde unterwegs waren, um eine Praxis zu erreichen, die überhaupt noch Patient*innen annimmt. Worüber wir nicht sprechen, ist, dass unsere Freundin, die leider nicht das Glück hat, den deutschen Pass zu besitzen, sich hier nicht einfach einen Termin machen konnte. Wir reden beim Arzt, in der Klinik oder wo immer Gesundheit gerade verhandelt wird, nicht über unsere kollektive Angst vor der Zukunft und existierende Ungerechtigkeit, die uns Unbehagen bereitet. Wir schweigen über die Bedrohung des Klimawandels, Ertrinkende im Mittelmeer und darüber, dass wir unseren Lebensstandard nur auf Kosten anderer aufrechterhalten können. Zu unserem bisherigen Gesundheitsbegriff gehört weder die Angst, unseren Aufenthalt zu verlieren, noch, abstrakt gesagt, in unserer Leistungsfähigkeit nachzulassen.

(Auch) Gesundheit ist nicht gerecht verteilt

Gesundheit ist eine Sache der Gesellschaft. Dieser Gedanke kann komisch klingen, weil wir sehr früh lernen, dass Krankheiten etwas sind, was uns passiert. Wenn wir Pech haben oder uns »falsch verhalten«. Aber es ist nicht allein Pech oder Eigenverschulden, was krank macht. Die Beweislage dafür, dass unsere Lebensverhältnisse darüber bestimmen, wie krank oder wie gesund wir sind und wie früh wir sterben, ist heute so gut, dass es kaum noch zu leugnen ist. In Deutschland leben die reichsten 10% der Bevölkerung ca. 10 Jahre länger als die ärmsten 10%. Dies lässt sich niemals nur durch »ungesunde Ernährung, an der die Leute selbst schuld sind«, erklären. Unsere Arbeit, unser Wohnort und unsere Umwelt, die Versorgung in unserer Stadt und unsere soziale Umgebung bestimmen in ihrem Zusammenwirken maßgeblich darüber, wie es uns geht.

Weltweit haben sich Gruppen zusammengefunden, die Gesundheit auf eine alternative, ganzheitliche Weise verstehen und sie in sogenannten Gesundheitszentren organisieren wollen und es zum Teil schon tun. In Lateinamerika wurden während der 1960er Jahre untragbare Arbeitsbedingungen und ungleiche Machtverhältnisse und deren Verknüpfung zu Gesundheit angeprangert. Resultat...

Solidarisch geht anders

29. März 2021 - 14:35

Obwohl der Zero Covid-Aufruf schon vor mehr als zwei Monaten veröffentlicht wurde, reißt die Debatte um Sinn und Unsinn der Initiative nicht ab. Auch innerhalb der Interventionistischen Linken gibt es dabei ganz unterschiedliche Standpunkte. Im Folgenden kritisieren die Genoss*innen der Antifa AG der IL Leipzig einen Beitrag der AG Krieg und Frieden aus Berlin, der im Februar hier auf dem Blog erschienen ist.

Zur Veröffentlichung des Aufrufs von Zero Covid hagelte es Kritik, nicht zuletzt von linker Seite. Auch wir sehen einige der Positionen kritisch und haben Diskussionsbedarf. Aber grundsätzlich halten wir den Ansatz – als gesellschaftliche Linke aus der Schockstarre der vergangenen zwölf Monate herauszukommen und ein konkretes Angebot zu unterbreiten – zunächst einmal für richtig. Darüber hinaus finden wir die Forderung, dass das Ziel der Krisenmaßnahmen eine Reduzierung der Infektionszahlen auf Null sein sollte, in Anbetracht der aktuellen Lage ebenfalls völlig richtig. Wir wollen nicht mit dem Virus leben – weil das immer noch bedeutet, dass Menschen am Virus sterben –, sondern wir wollen ohne Covid leben.

Wir verstehen Zero Covid als einen Versuch, eine linke und solidarische Position inmitten der Krise sichtbar zu machen. Zunächst ist ziemlich offen, auf welche Art und Weise die gestellten Forderungen umgesetzt werden sollen und an wen der Aufruf eigentlich appelliert. Wir sehen also nicht den Staatssozialismus im bunten Gewand vor uns stehen, sondern erst einmal eine Aufforderung an Organisationen wie uns, die mögliche Umsetzung einer Zero Covid-Strategie zu denken und zu diskutieren. Es ist sicherlich richtig, den Kapitalismus als (Teil-)Ursache der Krise zu benennen, jedoch braucht es in der aktuellen Situation ebenso konkrete Handlungsoptionen, die aus der Krise führen. Dabei hilft es nur wenig, aus dem Elfenbeinturm heraus auf Ursachen zu verweisen, so wie es die Berliner Genoss*innen der AG Krieg und Frieden in ihrem Beitrag »Global und solidarisch im Kampf gegen die Pandemie? ZeroCovid und das Fehlen einer eigenständigen linksradikalen Position« tun.

In ihrem Text problematisieren die Genoss*innen explizit, dass der Zero Covid zugrundeliegende Gesundheitsbegriff zu stark auf den rein physischen Aspekt von Gesundheit fokussiert. Natürlich ist es richtig, Gesundheit nicht nur rein körperlich zu verstehen. Dabei darf aber nicht negiert werden, welche Gefahr diese Infektion für viele Menschen bedeutet. Wir können als Linke und Linksradikale keine Todeszahlen relativieren und schon gar nicht sollten wir anfangen zu bewerten, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Nirgends im Zero Covid-Aufruf steht etwas davon, dass alle diejenigen, die nicht an Covid erkrankt sind, »gesund« seien. In dem Aufruf geht es nicht darum, die anderen sozialen und gesundheitlichen Probleme der Gesellschaft zu bekämpfen, die auch schon lange vor Covid-19 Menschenleben erschwert und beendet haben. Es geht schlicht und ergreifend darum, die akute Krise in Bezug auf eine bestimmte Infektionskrankheit in den Griff zu bekommen. Denn, seien wir mal ehrlich: Solange diese Pandemie nicht an einen Punkt kommt, an dem man sie »unter Kontrolle« hat, haben wir auch keine Chance, die anderen Aspekte sinnvoll zu bearbeiten.

Wir verstehen auch nicht, worin das Problem des appellativen Charakters des Aufrufs besteht. Viele Dinge, die...

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